Finesmoke
Heimatverlust
Leserbrief für den Bund (erschienen, vom Autor auf Anfrage stark gekürzt, im „Bund“, Mai 2006)
Also Brüder und Schwestern im Herrn, künftig wird unsere Luft rein
sein. Wie unser Gewissen. Herr Ober, noch ein Mineralwasser! Für den
Herrn Löffel.
Herr Löffel meint es ja nur gut mit der Menschheit. Er meint, dass unser
Unglück dem Qualm dieser Welt zuzuschreiben sei. Den mag er nun einmal
nicht riechen. Der Rauch wird nun weichen müssen, zurück in die Hölle,
woher er gekommen war. Wir werden die siegreichen EVP-Brüder jubelnd
durch die vom motorisierten Feierabendverkehr verstopften Strassen
ziehen sehen. Ohne Gasmasken. Mit Fähnchen, auf denen geschrieben steht:
Gelobt sei Gott, die Luft ist rein!
Die unheilige Allianz: Rot-Grün zog mit. Nicht etwa, weil die Genossen
den Rauch nicht riechen mögen. Aber auch sie hatten halt ein schlechtes
Gewissen. Rauchen ist Opium für das Volk. Soviel Genuss in einer derart
übel strukturierten Gesellschaft! Man kann doch nicht einfach eine
Zigarre anzünden, sich zurücklehnen und so tun, als ob die Gletscher
nicht schmölzen. Pfeife rauchend dem Neoliberalismus den Rücken
zuwenden? Pfui! Es geht nicht an, sich mit einer duftenden Zigarette den
bitteren Kaffee des Lebens zu vernebeln. Das tun die zwar auch,
jedenfalls viele von ihnen, aber künftig verschämt, draussen vor der
Tür, oder sie werden ihre Notdurft in einem toilettenartigen Fumoir
verrichten.
Die Mediziner wissen für einmal Bescheid. Der Grund für unseren miesen
Gesundheitszustand sind die Raucher. Der Herr Doktor, der ansonsten
recht oft im Dunkeln tappt, wenn man von ihm einen Rat oder eine
Diagnose erwartet, kann nun plötzlich in Prozenten und auf die
Kommastelle genau ausdrücken, wieviele Leute pro Jahr am Passivrauch
erkranken und wieviele von ihnen gar das Zeitliche segnen. Herr
Gutzwiller jedenfalls hätte Statistiker werden sollen. Oder
Propagandaminister in einem totalitären Staat, mit Herrn Zeltner als
Präsidenten. Nun ist er eben Präventivmediziner geworden. Und leider
auch Nationalrat.
Ich selber bin ein Raucher aus Lust und Überzeugung. Trage mein
angebrochnes Päckchen Zigaretten allerdings vier bis fünf Wochen lang
mit mir herum, bis es leer ist. In der Beiz zum Morgenkaffee (einmal pro
Woche) oder zum Apero (einmal pro Woche) wird mir die Parisienne carrée
(die schon mein Grossonkel geraucht hatte, bis er mit 84 starb) fehlen.
Und die Zigarre, nach einem guten Essen im Restaurant, dauert jeweils
eine Stunde. Ich fühle mich so, wie sich der Herr Löffel fühlen würde,
wenn man ihm sein Blöterliwasser zum Gartengrillplausch wegnehmen
würde. Schliesslich kann ich nicht mitten im Winter eine Stunde vor der
Tür stehen und mir eine Lungenentzündung holen. Herr Löffel will ja
eigentlich, dass unsere Lungen gesund sind und es auch bleiben. Es gehe
ganz und gar nicht darum, die Raucher auszugrenzen, beteuert er. Von
wegen!
Das vom Berner Grossen Rat beschlossene Rauchverbot kommt just zu einem
Zeitpunkt, da die berechtigeten Anliegen der Nichtraucher auch in den
Beizen zu greifen beginnen. Da sich unter der besonnen Regie der Patrons
ein friedliches und meist auch distanzmässig oder sogar räumlich
abgetrenntes, gut belüftetes Nebeneinander von Raucherinnen und
Nichtrauchern abgezeichnet hat.
Das Verbot bedeutet für mich vorab ein gewaltiges Stück Heimatverlust.
Eine ganze gewachsene Kultur geht aufgrund einer propagandistisch übelst
aufgeblähten Sündenbockideologie vor die Hunde. Bars ohne Rauch? Ein
klinisches Trauerspiel. Quartierbeizen und Stammtisch im Landgasthof
ohne Aschenbecher? Kafkaesk.
Wie verhalte ich mich bei den nächsten Wahlen? Ich wähle nicht mehr
links-grün wie bisher. Viele Genossen meinen es nicht so gut mit den
Menschen, wie ich immer gemeint habe. Sie sind genauso ideologieanfällig
wie ihre politischen Gegner aus dem rechten Lager. Ich wähle aber auch
nicht Parteien, die ich bisher für nicht wahlwürdig gehalten habe. Ich
weiss nicht, ob, wen und wozu ich noch wählen gehen soll. In einer von
oben herab steril, sauber und untolerant gemachten Gesellschaft fühle
ich mich ganz einfach nicht mehr daheim.
Erwin Messmer, Bern