Pressestimmen
Ostschweizer Dialektwonnen
Erwin Messmer erweckt die Klaviatur der St. Galler Mundart
Der Gedichtband „Gschlaik und Gschtelaasch“ des Lyrikers und Musikers überrascht mit Witz und Hintersinn.
BEATRICE EICHMANN-LEUTENEGGER
Nicht jeder springt hellauf vor Begeisterung, wenn er den St. Galler Dialekt hört. Manche empfinden ihn als spitz und durchdringend, doch um der Gerechtigkeit willen sei gesagt: Gegenüber jeder Mundart lassen sich Lob oder Tadel einwenden, Sympathie oder Antipathie vorbringen. Erwin Messmers Gedichtband erweist sich indessen als probates Mittel, um widerwillige Zeitgenossen zu bekehren, sofern sie eine Abneigung bekunden. Denn wer sich lesend mit „Gschlaik und Gschtelaasch“ befasst, nachdem er sich an die (nicht immer stringente) Schreibweise dieses Dialekts gewöhnt hat, wird sich dabei ertappen, dass er immer wieder vor sich hin schmunzelt, wiederholt gluckst oder gar seiner Lachlust freien Lauf lässt. Der Autor hat soeben jene „Gigälisuppä“ serviert, die er in einem seiner Gedichte preist, und Leserinnen und Leser haben herzhaft zugegriffen.
Ein Tausendsassa ist Erwin Messmer, ein Ton- und Wortmensch gleichermassen, der als Konzertorganist und Musiklehrer wirkt und Gedichtbände in Hochdeutsch und diesmal in Mundart veröffentlicht. Nicht nach grossen Themen greift er aus, sondern er, ein genauer und aufmerksamer Zuhörer, erlauscht sich seine Themen auf der Strasse, am Stammtisch, im Wohnzimmer, am Schreibpult vor dem Computer. Mann und Frau rücken ins Blickfeld oder ganz einfach der Nächste, der stets auch der Andere sein mag oder manchmal als Prolet, Nörgler, Pedant ( im Originalton „Tüpflischiisser“) die Nerven strapaziert. In solchen Momenten kann Erwin Messmer Fluchtiraden rasseln lassen und für seine kraftvolle Sprache tief in den Fundus der Malediktologie greifen. Welche Wortkaskaden entlässt da die St. Galler Mundart, wie unzimperlich verfährt sie mit dem „blööden Laferi“, wie tüchtig packt sie zu, wenn der „Tubel“ über die Stränge schlägt!
Aber unter der amüsanten Oberfläche stecken auch Tief- und Hintersinn. Vielschichtig geben sich manche dieser Gedichte zu erkennen. Als Trouvaille darf „Chindhaitslabirint“ am Schluss der Sammlung gelten – ein Langgedicht, das durch die wiederholte Umstellung der Zeilen alles mehr und mehr auf den Kopf stellt und absurde Züge gewinnt. Schattenklänge lassen sich auch aus jenen Gedichten vernehmen, die dem Lauf der Zeit, des Lebens nachsinnen oder Redewendungen überprüfen. Ohnehin nimmt Erwin Messmer die Worte nicht einfach unbesehen hin, sondern fragt nach ihrer eigentlichen Bedeutung. Reizvoll erscheinen auch seine Nachdichtungen, zu denen ihn Prévert, Shakespeare, Brinkmann oder Ferlinghetti angeregt haben. Die Originale kann man im Anhang dieses Gedichtbandes nachlesen, der übrigens auch durch seine vorzügliche äussere Gestaltung für sich einnimmt.
Zugedacht hat Erwin Messmer seine Gedichte dem Berner Troubadour Fritz Widmer (1938-2010). Eine schöne Geste ist dies, die den Adressaten posthum freuen würde. Denn der 1950 in Staad bei Rorschach geborene Autor spricht aus einer Wahlverwandtschaft heraus. Wie wäre es, wenn man Erwin Messmer zum Bodensee-Troubadour ernennen würde?
DAS BUCH: Erwin Messmer, Gschlaik und Gschtelaasch. Gedichte. Drey-Verlag, Am Buck 2, D – 77793 Gutach, 2010, 90 S., Fr. 30.- (dem Band liegt eine CD bei, auf welcher der Autor seine Gedichte vorträgt)
Zitat:
Gschlaik und Gschtelaasch
Immer hätter
ä huerä Gschlaik ghaa
i simm Läbä
Aini umdi Ander
hätter apgschläppt
und jeder Zwaitä
än Goof aaggheenggt
Aber sitt öppä zwai Johr
isch nünpme loos
Si hend glob gmärkt
daser langsam apgitt
Und etz woner
eentlech solo isch
chauft dä Tubel
no ä Toppelbett
s’eerscht i sim Läbä
än uuhuerä Gschtelaasch
i siner chlinä Wonig
i dem Saupuff
und i sim Aalter
Aber s’hätt
ums Väreckä
mösä sii
För all Fäll
saiter
In etwas gekürzter Form erschienen in „Der Bund“, am Freitag, 27. Mai 2011
Pressestimmen zu Erwin Messmers Gedichten
Er kann geduldig und genau beobachten, hat Sinn für die Sichtweise eines
Kindes, schreibt eines der schönsten Liebesgedichte der vergangenen Jahre
mit dem vielsagenden Titel „Zweifel“, skizziert klar geschaute Bilder, die
sofort einschlagen, sich festhaken und neuen Gedankengalopp und veränderte
Gefühle auslösen (…). Kurz: Das ist wahre, anregende Dichtung, aus der Zeit
heraus gedacht und gestaltet.
Der Kleine Bund
(über den Gedichtband „Das Gelächter der Fahrräder“)
Erwin Messmer gehört zu diesen Wort- und Sprachmächtigen, die hinhören und
sich so ihre Gedanken machen (…). Es sind Angebote, die Messmer uns macht,
Angebote zum Nachdenken, und manchmal wirken sie so nachhaltig, dass man
für zwei Zeilen eine ganze Stunde braucht.
Charles Linsmayer in Der Bund
(über den Gedichtband „Anleitung zum Brettspiel“)
Was sofort auffällt: In diesen Gedichten schwingt ein leiser Humor mit. Und das
ist doch selten geworden in den Gedichtbänden. Es ist eine Lyrik, die mit jedem
Satz ins Spasshafte, sicher aber ins Skurille abdrehen könnte und es doch nie
ganz tut. Da erinnert doch vieles an die grotesken Verse des Christian
Morgenstern.
Aargauer Zeitung
(über den Gedichtband „Anleitung zum Brettspiel“)
In knappen, nie pseudopoetisch aufgemotzten Versen warnt er uns vor dem
„blauen Feld“, das uns zum „Ausgangspunkt zurückwirft“; ein anderes Gedicht
feiert ebenso skeptisch die „nackte Ordnung“ auf Anton Bruckners Kopf. Erwin
Messmer hat ein feines Ohr für die kleinen Regelbrüche, die aus den Spielen
Ernst machen. Das führt ihn zum letzten und ersten, bedenkenswerten Spieltipp:
„Und geben Sie acht / auf Ihr Leben / Es wäre ein schlechter / Verlierer.“
Bruno Steiger im Zürich Express
(über den Gedichtband „Anleitung zum Brettspiel“)
Erwin Messmer bleibt strikte an einem poetischen Puls und Impuls der Zeit,
während der Sprachfluss in seiner einfach gehaltenen Selbstverständlichkeit den
abgehackten und übertriebenen Headlines und Kurzberichten der täglichen
News sanft, aber zünftig widerspricht.
Blick, Zürich
(über den Gedichtband „Anleitung zum Brettspiel“)
Messmer in Hochform, das ist, wenn der Autor Messmer beschreibt, was der
Mensch Messmer lebt: Melodien und duftende Teller in verrauchten Räumen
als sich ständig selbst erneuerndes, tranceähnliches Sein (…). Wenn seine
Beobachtungen ins Absurde kippen, wenn er es schaftt, die Logik zu
unterwandern, dann entstehen Tagtraumbilder von stupender suggestiver
Kraft.
Andreas Saurer in der Berner Zeitung
(über den Gedichtband „Die besseren Karten“)
Messmer verfährt genau und immer wieder pfiffig, so dass man lesend das Schmunzeln nicht verkneifen mag. (...) Eigentlich möchte man Erwin Messmer zu den heiteren Melancholikern zählen. (...) Aber nie verfällt er der Wehleidigkeit oder der ausufernden Weitschweifigkeit. Manches tönt er nur an, spricht es an, aber nicht aus. Viele seiner Gedichte halten eine Leichtigkeit des Seins ein, die selbstverständlich anmuten mag und es keineswegs ist. Man liest diese Gedichte mit Genuss, folgt gern den Notaten eines verschwiegenen Beobachters, der alltägliche Szenen aufgreift, aber die Einmaligkeit des Menschen im Fluss der Zeit achtet.
Beatrice Eichmann – Leutenegger in Der Bund
(über den Gedichtband „Die besseren Karten“)
Stimmen von Autorinnen und Autoren
Die Sprache ist konkret, unangestrent, die Stoffbehandlung behende und der Inhalt pfiffig und welthaltig.
Hans-Jürgen Heise
(über den Gedichtband „Das Gelächter der Fahrräder“)
Und dann ist da auch noch die heitere Seite Erwin Messmers, die verschmitzte, augenzwinkernde. Erst sie macht den messmer’schen Ton einmalig und unverwechselbar.
Es sind starke, lustvolle, sinnliche Texte, die Erwin Messmer in seinem neuen orte-Band versammelt.
Brigitte Fuchs
(über den Gedichtband „Anleitung zum Brettspiel“)
Am meisten fällt mir an seinen Gedichten auf, dass sie mich alle an einer Stelle oder an mehreren einfach erschrecken oder aufschrecken. „Überraschen“ wäre zu schwach gesagt. „Furchtbares Erstaunen“ wäre vielleicht das Treffendste (...). Als ich das Buch zum ersten Mal las, hatte ich mich fast wie süchtig auf diese Stellen zugelesen und dann „Aah, da ist sie wieder!“ gerufen (...) Anders gesagt: Er beschreibt in knappen Strichen: einen Menschen, eine Szene, eine Landschaft, und dann gleitet von hinten oder von der Seite plötzlich ein unerwarteter Gedanke, eine Formulierung herein, die einen entweder erfreut oder aufschreckt oder überrascht, oder die das vorher Gesagte in eine neue Perspektive rückt.
Fritz Widmer
(über den Gedichtband „Die besseren Karten)
Lieber Erwin
Soll ich Dir 7 schöne Gedichte aufschreiben:
Wunder
Schadenbilanz
Abnehmender Mond
Tempo rubato
Klimaerwärmung
Über das Glück
der Atem
Franz Hohler
(über den Gedichtband „Die besseren Karten“)